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Rede der AG Feministischer Streik Wien am 8ten März

Nachdem es am 8ten März und dannach vermehrt die Nachfrage gab, ob unser Redebeitrag wo nachzulesen ist veröffentlichen wir diesen hiermit. Viel Spaß beim Nachlesen und schreibt uns bei Fragen, Anmerkungen und Co gerne unter: gegenpatriarchatundkapital@riseup.net

Liebe Freund*innen, liebe Feminist*innen, liebe Passant*innen,

sagen wir es, wie es ist: Die Zeiten sind scheiße – weltweit und auch hier. Wir beobachten und erleben finanzielle Einsparungen, Sozialabbau, eine aufstrebende Rechte, die Rechtfertigung der kapitalistischen, rassistischen, patriarchalen Ordnung und damit einhergende Gewalt.

Die zunehmende Autoritarisierung äußert sich nicht nur in rechter Gewalt, insbesondere gegenüber marginalisierten und mehrfachmarginalisierten Personen und unter anderem gegen queere und trans Personen, sondern hat auch Effekte auf staatliche Strukturen: Das Erstarken konservativer, reaktionärer und rechter Ideologien führt zur Verstärkung biologistischer, essentialistischer Geschlechtervorstellungen – das kann unter anderem die Entrechtung von queeren und trans Personen, die Streichung von Geldern zum Beispiel für Beratungsstellen oder medizinische Versorgung, zunehmende finanzielle Prekarisierung oder die Erschwerung von Transitionen zur Folge haben. Das sind nicht nur düstere Zukunftsszenarien, sondern Entwicklungen, gegen die wir uns tagtäglich organisieren müssen.

Um uns diesen Entwicklungen entgegenzustellen, wollen wir als AG Feministischer Streik Kämpfe zusammenbringen und gemeinsam solidarische Praxen entwickeln. Angesichts der erstarkenden Rechten, die uns in unseren vielfältigen Lebens- und Begehrensweisen bedrohen; angesichts der staatlichen Repression, die wir als Linke erleben, beispielsweise in Innsbruck, wo Aktivismus gegen Femi(ni)zide kriminalisiert wird und morgen Feminist*innen vor Gericht gestellt werden; angesichts der zunehmenden Gewalt gegenüber queeren und trans Personen; angesichts der nicht stoppenden Femi(ni)zide, wir wissen bereits dieses Jahr von 5 Femi(ni)ziden, die in Österreich verübt wurden; angesichts von Retraditionalisierung, von weltweiter Militarisierung, von Krisen und Kriegen, die immer auch ein Erstarken patriarchaler Logiken mit sich bringen – angesichts all dieser globalen Entwicklungen wollen und müssen wir als Feminist*innen solidarische Praxen entwickeln und uns gemeinsam den zunehmenden Verschärfungen entgegensetzen.

Heute am 8. März, aber auch im restlichen Jahr beobachten wir jedoch viele Spaltungen, die es schwierig machen, einen gemeinsamen feministischen Kampf zu führen. Mit Spaltung meinen wir nicht die verschiedenen Erfahrungen, welche Personen in einem kapitalistisch-partriarchal-rassistisch-ableistischen Nationalstaat machen denn wir gehen davon aus, dass wir gerade in der Differenz solidarische Praxen entwickeln können und müssen. Mit Spaltungen meinen wir das aktive Ausschliessen von trans, inter und nichtbinären Personen durch radikale Feminist*innen, die Stigmatisierung und Kriminalisierung von Sexarbeiter*innen durch sogenannte „Abolitionist*innen“, eine fehlende Positionierung zu Antisemitismus, ein Ignorieren von rassistischen Erfahrungen, ein Ausblenden kolonialer und neokolonialer Kontinuitäten all das auch innerhalb von feministischen Kontexten und Auseinandersetzungen. Mit Spaltung meinen wir auch die zunehmende Praxis, sich gegenseitig in sozialen Medien outzucallen anstatt miteinander ins Gespräch zu gehen, sich einander als Feind*innen gegenüber zu stellen, anstatt sich wohlwollend zu begegnen. Der Kampf gegen zunehmende Trans-, Inter- und Queerfeindlichkeit, von welcher rassifizierte und anders marginalisierte Personen meist stärker betroffen sind, braucht jedoch eine innerfeministische Solidarität über Spaltungen hinweg. Denn in diesen patriarchalen, kapitalistischen, rassistischen, ableistischen Verhältnissen haben Spaltungen die Funktion, unsere Kämpfe, unsere Kritiken und unsere Solidarität gegeneinander auszuspielen und damit letzten Endes die bestehenden gewaltvollen Verhältnisse aufrechtzuerhalten. Es ist daher an der Zeit, neue solidarische Beziehungen zu knüpfen.

Wir haben vor ein paar Jahren kollektiv eine Borschüre verfasst und uns darin darauf verständigt, den Feministischen Streik als Klammer zu verstehen. Angesichts der aktuellen Spaltungen wollen wir uns wieder auf dieses Verständnis beziehen: Die Gewalt und Ausbeutung, die aktuell stattfinden, können nicht isoliert von Geschlecht, Arbeits- und Kapitalverhältnissen, von nationalstaatlichen Logiken und Rassismus begriffen werden. Der Feministische Streik ist eine Art von Vermittlung zwischen Kämpfen, er vermag Unterschiedenes in Relation zu setzen, was in sich eigentlich nicht zu trennen ist: feministische, antikapitalistische, antikoloniale, antirassistische, antifaschistische und antisemitismuskritische Kämpfe. Um diese Klammer zu realisieren, müssen wir gemeinsam in kritischen und solidarischen Austausch treten. Wir müssen dafür voneinander, von den jeweiligen Perspektiven, Erfahrungen und den gelebten Realitäten lernen, eigene, internalisierte Feindlichkeiten und Vorurteile verlernen, uns gegenseitig Fehler eingestehen und für diese Verantwortung übernehmen.

Die heutige Demonstration endet am ehemaligen Karlsplatz,einem zentralen Ort der autonomen, feministischen Vernetzung Claim the Space und der Politisierung von Femi(ni)ziden und patriarchaler Gewalt in Wien. An diesem Ort haben wir es immer wieder geschafft, solidarische Praxen zu entwickeln, die transnationale Kämpfe miteinander verbinden. Wir haben uns zu Feminist*innen aus Argentinien in Bezug gesetzt, die 2017 den großen Marsch „Ni una menos“ ausgerufen haben und unsere Praxen waren und sind inspiriert von den vielen feministischen Bewegungen in Abya Yala (Lateinamerika) und den feministischen Revolutionen, wie jenen im Iran und in Kurdistan. Dennoch haben wir in unserer Politisierung von Femi(ni)ziden schmerzlich erfahren müssen, was es bedeutet, selbst Ausschlüsse zu produzieren. So haben wir erst durch solidarische Kritik damit begonnen, uns mit der konkreten Gewalt gegen trans Personen und mit Transiziden – also der Ermordung von trans Personen oder Personen, die für trans Personen gehalten werden – zu beschäftigen. Aus dieser Kritik zu lernen, bedeutet für uns unter anderem die konkrete, zunehmende Gewalt gegen trans Personen zu benennen und uns gegen diese zu organisieren.

Als AG Feminisistischer Streik fragen wir danach, wie wir die bestehenden Verhältnisse radikal verändern können. Von Gewerkschafter*innen und Genoss*innen wurden wir jedoch darauf hingewiesen, dass der diesjährige 8. März auf einen Sonntag fällt, wir daher dieses Jahr nicht zum Streiken aufrufen könnten. Doch wir verstehen den Streik an der Schnittstelle von Organisierung kollektiver Praxen und Fragen der Verweigerung. In diesem Sinne stellen wir die Fragen: Wie können Menschen in prekarisierten Jobs, die unter anderem auch heute hackeln müssen, überhaupt streiken? Oder was bedeutet es, wenn die vergeschlechtlicht ungleich verteilte, un- oder unterbezahlte, oft an migrantisierte Personen ausgelagerte und lebensnotwendige Care-Arbeit bestreikt wird? Wie kann sich diesen Arbeitsverhältnissen verweigert werden? Und wie lassen sich anhaltende patriarchale Rollenvorstellungen, Zuschreibungen, Zuweisungen und Zurichtungen, die gewaltvoll entlang unserer Körper verhandelt werden, bestreiken? Wir rufen dazu auf, gemeinsam auf vielfältige Art und Weisen diese Verhältnisse, die uns alle unterschiedlich treffen, zu bestreiken.

Im Sinne der Herstellung solidarischer Beziehungen und Verknüpfungen wollen wir abschließend auf den 31. März verweisen: dem Trans Day of Visibility. An und für diesen Tag organisieren sich Feminist*innen gegen patriarchale und transfeindliche Vorstellungen von Körper, Geschlecht und Rollenzuweisungen und feiern stattdessen die Vielfalt gelebter Transidentitäten. Zeigt euch solidarisch, organisiert euch an und für den Tag, bildet Banden gegen die sich verschärfende Queer- und Transfeindlichkeit!

Alerta Queerfeminista!
Alerta Transfeminista!
Ni une menos!
Auf zum feministischen Streik!